Anujin erzählt ihre Geschichte
«Ich habe das große Glück, dass meine Eltern meine Sprache sprechen. Meine Familie ist wahrscheinlich eine der wenigen Familien in der Mongolei, die die Gebärdensprache spricht», sagt Anujin Boldoo, 23 Jahre alt und Lehrerin für Sonderpädagogik.
Anujin wurde 2001 gehörlos geboren. In ihrem Kindergarten namens «Barbaruush» (ein Jungtier) lernte sie die Gebärdensprache.
«Gehörlose Menschen haben ihre eigene Sprache und Kultur. Wir hören mit unseren Augen und sprechen mit unseren Händen. Meine Muttersprache ist die Gebärdensprache», sagt Anujin.
Sowohl Anujin als auch ihr kleiner Bruder, Galdan, der ebenfalls mit einer Schwerhörigkeit geboren wurde, haben das Glück, in einer liebevollen und unterstützenden Familie aufzuwachsen. Ihre Eltern, Boldoo und Delgermaa, haben die Gebärdensprache gelernt, um mit ihren Kindern zu kommunizieren und sprechen diese heute fliessend. Anujin erinnert sich gerne an die Zeit, als sie noch klein war und ihr Vater für sie Fernsehsendungen übersetzte.
Da beide Elternteile die Gebärdensprache fließend beherrschen, hatte Anujin das seltene Privileg, sich von klein auf frei auszudrücken und mit ihrer Familie zu kommunizieren – ein Luxus, der vielen Gehörlosen in ihrem Land nicht vergönnt ist. Anujin erhielt von ihren Mitschülern häufig Bemerkungen wie: «Du hast eine außergewöhnliche und einzigartige Familie, mit der du dich frei in Gebärdensprache unterhalten kannst.» Zunächst verstand sie die Bedeutung dieser Beobachtung nicht ganz, aber in der High School begann sie die Tragweite zu begreifen und erkannte, dass viele andere Gehörlose isoliert waren, weil sie nicht die Möglichkeit hatten, über die Gebärdensprache Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen.
«Ich bin so gesegnet und dankbar für meine Eltern. Sie sind ein grosses Geschenk», sagt Anujin.
Anujin erkannte schnell, wie wichtig die Kommunikation ist, um die Kluft zwischen der Welt der Gehörlosen und der Welt der Hörenden zu überbrücken. Nach ihrem Schulabschluss 2019 an einer Sonderschule für hörgeschädigte Kinder, studierte sie an der Staatlichen Pädagogischen Universität der Mongolei, angetrieben von ihrer Leidenschaft, Kinder ihrer Art zu auszubilden, um sie besser in die Gesellschaft zu integrieren und eine Brücke zwischen der hörenden und der gehörlosen Welt zu schlagen.